Mali 2012

Am 9. Februar 2012 begab ich mich auf eine Reise nach Bamako, der Hauptstadt von Mali in Westafrika und setzte mich in den 19 Tagen meines Aufenthalts intensiv mit der Djembémusik der Stadt am Niger auseinander. Mein Freund und Kollege Herman Kathan, ein alter Afrikakenner, und ich nahmen nahezu jeden Tag Unterricht bei einheimischen Trommlern und trommelten anschließend auch bei einheimischen Hochzeiten mit. Unser besonderes Augenmerk lag allerdings auf der Musik, die bei Jina-Trancekulten gespielt wird.

Über meine Eindrücke und die wichtigsten Ereignisse habe ich täglich in diesem Blog berichtet.

9. Februar

Die Reise beginnt um 9 Uhr morgens bei -10°C mit dem Zug in Frankenthal. Nachdem der Flug mit Airfrance von Frankfurt nach Paris auch nach dem zweiten Anlauf wieder streikbedingt storniert wird, fliege ich die erste Etappe mit Lufthansa. Leider verträgt sich dieses Wechselspiel nicht mit der vollautomatisierten Gepäcksteuerung in Paris, aber nach einer halben Stunde und dank einer engagierten Flughafenangestellten, ist es dann doch noch möglich das Gepäck zum richtigen Flugzeug zu lotsen. Elf Stunden nach Reiseantritt komme ich tatsächlich inklusive Rucksack bei angenehmen 20°C am International Airport in Bamako an. Auch im Dunkel der Nacht kann der „International“ Airport nicht darüber hinweg täuschen, dass er samt Rollfeld ungefähr so groß ist wie in Frankfurt das Parkhaus von Terminal 1. Nach einer kurzen Kontrolle durch kaugummikauende Zollbeamte und einer gefühlten Stunde an der sich im gleichen Raum befindlichen Gepäckausgabe, werde ich von Herman schon am Ausgang erwartet. Er hat schon ein Taxi für uns reserviert und nach zehn Minuten taucht auch der Fahre wieder auf. Mein intuitiver Griff nach dem Sicherheitsgurt geht ins Leere. Vor einigen Jahren soll versucht worden sein die Gurtpflicht einzuführen – bei dem kläglich gescheiterten Versuch blieb es dann auch. Mit laut quietschendem Keilriemen, der in Linkskurven verstummt, bohren wir uns immer tiefer in das staubige Innere der Stadt, bis wir an einem unscheinbaren Hotel mit kleinem Garten, Veranda und fünf Zimmern Halt machen. Mich erwartet ein für Mali relativ komfortables Doppelzimmer mit einem Schrank, dessen eine Tür dank des schiefen Bodens in Kombination mit defektem Schloss immer offen steht und einem Bad, das immerhin eine funktionierende Tür besitzt; zwar auch ohne Schloss, aber doch ihren Zweck erfüllend.

Kurz abgeladen beschließen wir um 23:45 Uhr noch einen Kaffee trinken zu gehen. Auch wenn die meisten „Cafés“ schon geschlossen sind, finden wir doch noch ein idyllisches Plätzchen mit Straßenblick. Es gibt frisch angerührten Nescafé mit einer Art Milchsirup in demonstrativ gründlich gespülten Tassen und dazu feinstes Baguette. Zwei Meter weiter suchen ein paar Ratten auch nach ihrem Abendessen. Hier gefällt es mir, die Zeit steht still, willkommen Mali.

10. Februar

Heute kümmern wir uns das erste Mal um unseren Unterricht. Um 10 Uhr treffen wir bei Jeremy, einem amerikanischen Auswanderer, der ein Djembéhotel betreibt, Karim, einen Berufstrommler, der sich speziell mit Jina-Rhythmen, die bei Trancekulten gespielt werden, auskennt. Leider wird aus dem Unterricht nichts, da er heute zwei Jobs in einem Randbezirk von Bamako spielt  – die Gelegenheit für mich gleich mal auf das erste Jina-Fest und eine Hochzeit an einem Tag zu gehen. Die Fahrt mit dem Taxi durch die Stadt ist eindrucksvoll und staubig, der Verkehr chaotisch, aber fließend und die Leute am Straßenrand geschäftig. Asphalt wird zu Sandpiste wird zu einem felsigen Anstieg. Wir sind da.

Das Fest hat noch nicht begonnen, aber die letzten Vorbereitungen laufen gerade auf Hochtouren, und die Dorfbewohner haben sich schon versammelt. Wir werden freundlich empfangen und erhalten vom Ältesten auch gleich die Erlaubnis zu fotografieren (nebenbei wird in diesem Zusammenhang dezent auf die Möglichkeit einer kleinen Spende hingewiesen). Anfangs sind die Einheimischen etwas zurückhaltend, aber schnell bin ich mittendrin, sitze an einer Trommel und lerne so meine ersten Lektionen. Für mich ist das Fest die Attraktion und für die Dorfbewohner sind es wir. Nachdem ich die Kinder einmal fotografiert habe hängen sie wie eine Traube an mir und können gar nicht genug Fotos von sich ansehen, um sich darüber kaputt zu lachen. Der menschliche Höhepunkt für mich ist allerdings, als mich eine Mutter bittet ihr kleines Baby eine Weile auf dem Arm zu halten – ich bin sprachlos und gerührt.

Das kulinarische Highlight folgt sogleich: es gibt die frischgeschlachtete Ziege, die ähnlich wie Gulasch zubereitet wurde, in einer großen Schüssel zusammen mit Kuskus. Zu Mehreren um die Schüssel sitzend, genießen unser Mahl mit den Händen. Ein perfekter Abschluss!

Auf dem Rückweg schauen wir noch kurz bei der Hochzeit vorbei, aber langsam sehnen wir uns nach etwas Ruhe und fahren erst mit einem Linienbus 15 Minuten bis zur nächsten Asphaltstraße. Das bedeutet sich in einem Minibus ohne Seitentür mit zehn anderen Mitfahrern auf Sitzgelegenheiten, die zwei rechts und links an die Wand geschraubten Bierbänken ähneln, durchschütteln zu lassen. Die Kunst ist hierbei ohne Bandscheibenvorfall und Prellungen anzukommen. Es gelingt. Am Hotel beschließen wir uns zum Abschluss des Tages noch einen Kaffee und ein Omelette in einem für unsere Verhältnisse, sagen wir, spartanischen Straßencafés zu gönnen. Eine wohlige Schwere macht sich in uns breit und wir freuen uns auf unser Bett, denn morgen geht es um 9 Uhr wieder los zu Karim, der uns dann endlich mehr über Jina-Rhythmen verrät.

11. Februar

Heute geht es mit dem Taxi zum ersten Unterricht mit Karim. Auf der Fahrt geraten wir in eine gewöhnliche Polizeikontrolle. Der Taxifahrer scheint keine gültigen Papiere zu haben und gibt dem Beamten deshalb mit den ungültigen Unterlagen  500cfa (ca. 75 Cent). Der Polizist macht als würde er kurz in die Papiere schauen und lässt uns weiterfahren. Im Djembéhotel voin Jeremy treffen wir Karim und fahren mit dem nächsten Taxi in seinen Stadtteil in der Nähe des Festes von gestern, er fährt mit dem Motorrad voraus und zeigt dem Fahrer den Weg. Von seinem Haus laufen wir mit einem Basstrommler und einem Trommelträger zum „Unterrichtsraum“, ein Schattenplatz unter einem Baum eines Innenhofs. Wie immer haben wir viele kleine Zuschauer, die von unserem Lehrer, bzw. seinem Basstrommler Adama mit deutlichen Worten auf Abstand gehalten werden. Einem alten Mann, der beharrlich bei uns stehen bleibt, gibt er 500cfa, damit er zufrieden wieder seines Weges geht. Nach 90 Minuten sind wir für heute fertig mit dem Unterricht und wenden uns dem Teeritual zu, das wir heute noch mehrmals erleben werden. In einem kleinen Kohlegrill wir die Kanne mit Wasser und grünem Tee erhitzt, danach schüttet man den Tee in zwei Gläser, von einem ins andere, wieder zurück in die Kanne und immer wieder hin und her. Wichtig ist, dass der Tee in einem hohen Bogen ins Glas fällt, denn das Ziel des Ganzen ist es möglichst viel Schaum zu erzeugen. Da es immer nur zwei Gläser gibt aus denen man nacheinander seinen Tee trinkt, sollte man es tunlichst vermeiden den Schaum wegzutrinken.

Es ist wieder Jina-Fest. Diesmal werde ich sofort an die Tama geordert (siehe Bild). Leider habe ich noch nie Tama gespielt, aber nach kurzer Zeit scheinen sie einigermaßen mit dem Erfolg meiner Anstrengungen zufrieden zu sein. Nach einer halben Stunde auf einer kleinen harten Sitzbank spüre ich den Schmerz zum Glück nicht mehr, da meine Beine nach zehn Minuten schon eingeschlafen waren. Aus dieser Position erlebe ich mit, wie eine Tänzerin in Trance versucht sich die Haare auszureißen. Sofort stürzen fünf Frauen auf sie uns brauchen all ihre Kraft sie daran zu hindern und sie aus dem Trancezustand zurückzuholen. Was für ein Erlebnis!

Nach dem Fest gibt es wieder leckeres Essen (siehe Bilder). Nachdem ich das Essen der Einheimischen getestet habe und immer noch keine Verdauungsprobleme habe, habe ich beschlossen ganz normal mit den Trommlern zu essen und auch deren Wasser zu trinken. Das erleichtert einiges und ist ein schönes Ritual. Vor dem Essen geht immer eine Wasserkanne aus Plastik herum, damit man sich die Hände waschen kann. Die gleichen Kannen gibt es auch vor den Toiletten. Man nimmt sie mit, um sich vermutlich die Hände zu reinigen. Nach dem Fest geht es mit dem Sotrama (Minibus) bis zur nächsten Asphaltstraße und dann mit dem Taxi weiter zu einem älteren Trommler Namens Dra. Wir trinken Tee mit ihm, bestellen Trommeln und verabreden uns für eine Hochzeit, bei der er morgen spielt. Nachdem alles gesagt ist, sitzen wir noch kurz schweigen im Hof seines Hauses und gehen dann zu Fuß weiter zu Mado, einem anderen Trommler. Bei ihm bestellt Herman noch ein paar Glocken und wir verabreden uns mit ihm und Drisa zum Unterricht. Langsam wird es schon dunkel und da wir beide noch Hunger haben, beschließen wir noch in einem netten Restaurant (siehe Bild)etwas essen zu gehen. Es gibt Spaghetti mit Soße und Minispießen. Sehr lecker!

Da Herman noch ins Internetcafé möchte, entscheide ich mich die 15 Minuten zum Hotel alleine durchs Dunkel zu finden. Auf halbem Weg treffe ich auf eine Gruppe Männer, die vor einem Fernseher den Fußball Afrika Cup schauen. Wie ich mit meinem wenig Französisch schnell herausfinde spielt Mali gegen Ghana und führt 1:0. Am Hotel, das ich direkt gefunden habe (ausgenommen von der einen Sackgasse), treffe ich mich später mit Herman und wir beenden auch diesen langen Tag mit Kaffee und Brot in einem nahe gelegenen Straßencafé.

12. Februar

Nach dem Frühstück und dem Unterricht bei Karim, unserem Jina-Lehrer, fahren wir per Sotrama und Taxi zu Dra, um mit ihm auf eine Kasonkehochzeit zu gehen. Wir sind leider etwas zu spät und Dra ist schon vorgegangen, aber sein Bruder empfängt uns in Dras Haus  und wie es das Glück will ist gerade Essenszeit. Das bedeutet, dass wir wieder eine Schüssel mit Reis, Soße und ein paar Kohlblättern vor uns haben und mit der Familie im Hof zusammen Essen – Frauen und Männer essen hier übrigens immer getrennt. Nach dem obligatorischen Tee machen wir uns mit dem Taxi auf den Weg zu der Hochzeit, die in einem Viertel stattfindet , das auf der anderen Seite des Nigers liegt. Dra erwartet uns etwas abseits des Festzeltes schon mit einem Tee und stellt uns den anderen Musikern vor. Wir haben schon wieder Glück, denn es gibt auch hier gerade Essen (Bild). Man merkt schon den Unterschied zwischen dem normalen Essen und einem Hochzeitsessen – geschmacklich, aber auch optisch, denn diesmal liegt ein relativ großes Stück Fleisch in der Mitte der Schüssel. Lecker! Danach wieder Tee.

Plötzlich macht sich eine rege Betriebsamkeit breit. Es scheint loszugehen. Wir Musiker integrieren uns in die Runde der Hochzeitsgäste und die ersten Rhythmen werden angespielt. Für unsere Verhältnisse nur schwer vorstellbar ist, dass das Brautpaar nicht an den Feierlichkeiten teilnimmt. Sie verbringen die Zeit gemeinsam in einem Hotel. Wir stehen direkt an einer mannshohen Lautsprecherbox aus der der ohrenbetäubende Gesang der Sängerinnen ertönt. Die Lautstärke scheint deutlich wichtiger als der Klang der der Anlage zu sein und schmerzhafte Rückkopplungen scheinen auch zum guten Ton zu gehören. Unsere Ohren werden uns am Abend im Bett noch ein Lied von der Hochzeit pfeifen. Die Stimmung heizt sich langsam auf und immer mehr Tänzerinnen (normale Hochzeitsgäste) geben ihr Bestes. Einige Rhythmen kenne ich schon von Busch-Werk, andere sind mir völlig unbekannt. Genau bei diesen unbekannten Rhythmen stehe ich an der Djembé und bekomme von Dra kurz eine Begleitstimme vorgespielt, die ich dann so gut es geht nachspiele. Zu Glück fangen die Rhythmen meist langsam an und bis sie dann in einem ekstatischen Tempo gipfeln, habe ich die Stimme gelernt. Wahnsinn! Nach ein paar Stunden ist die Hochzeit abrupt mit dem Schlussschlag eines Liedes zu Ende.

In der Dämmerung fahren wir mit dem Taxi nach Hause, um den roten Staub von unseren Körpern zu duschen und danach in unserem Stammrestaurant essen zu gehen. Leider ist es geschlossen (Bild) und wir gehen gleich zu Kaffee, Baguette und Omelette über. Wir sind beide müde und beschließen auszuschlafen und morgen Vormittag eine kleine Ruhepause einzulegen.

13. Februar

An dieser Stelle würde ich gerne ein paar Worte über die Wasserversorgung in unserem Bad verlieren. Es gibt drei Anschlüsse: Wasserhahn, Toilette und Dusche. Auf dem Bild kann man die mittlere Durchflussmenge gut erkennen. Das System der Schwankungen habe ich noch nicht ganz durchschaut, aber es gibt eine goldene Regel: „Betätige niemals vor dem Duschen die Toilettenspülung!“, denn erstens braucht man eine Minute bis man das Spülrinnsal in der Toilette wieder gestoppt hat und zweitens dauert es wiederum fünf Minuten bist der Spülkasten wieder geflutet ist. Das heißt aus der Dusche kommt in den nächsten sechs Minuten gerade mal genug Wasser, um ein kleines Wasserglas zu füllen. Wie mit dem Wasser verhält es sich auch mit dem Internet. Für zehn Minuten Arbeit braucht man eine Stunde, denn wenn es mal geht, erinnert es mich an die guten alten Modemzeiten – ich vermisse nur noch das Gepiepse beim Einwählen. In meiner Kühnheit habe ich vor zwei Stunden begonnen ein 26-sekündiges Video für den Blog hochzuladen. Nach mehreren Aussetzern bin ich schon bei 5% angelangt. Ob es letztendlich geglückt ist, könnt ihr im Eintrag vom 12. Februar sehen.

Nachdem ich den Morgen mit Internet und Entspannung verbracht habe, gehen wir jetzt Mittagessen. Das Mittags-„Restaurant“ hat seit letztem Jahr expandiert und eine Wellblechhütte mit Tischen und Stühlen hinter dem Verkaufstand angebaut. Dort nehmen wir Platz und als unser Essen, Reis mit Soße und Fleich, vor uns steht gesellen sich zwei Einheimische zu uns und scheinen uns, da sie kein Französisch sprechen, auf Bamana guten Appetit zu wünschen. Am Nebentisch steht ein Mann in Anzug auf und hält noch ein kurzes Schwätzchen mit ihnen und geht, um kurze darauf zurückzukommen und ihnen vier Bananen zu schenken. Sie freuen sich über das Geschenk, denn Obst ist für die einfachen Leute oft zu teuer und deshalb ein seltenes Vergnügen. Ohne zu zögern teilen sie die Bananen mit uns und machen mich ein weiteres Mal sprachlos.

Wir müssen los, damit wir rechtzeitig um 15 Uhr bei Karim sind, denn wir brauchen mit dem Taxi ca. 40 Minuten. Der Unterricht wird heute etwas chaotisch, da Karim erst nichts Neues macht, uns nach dezenter Kritik neue Solofiguren zeigt, diese aber immer anders zusammensetzt und sich wundert, dass wir nicht wissen, wohin er als nächstes wechseln will. Er folgert daraus, dass wir die erste Figur nicht können und will diese immer wieder wiederholen, dann geht es weiter, wieder mit neuem Ablauf. Wir hören auf zu spielen, weil uns der Unterricht so nicht viel bringt. Er hört nicht auf, sondern mischt immer mehr Figuren, bis Herman ihn stoppt. Wir versuchen ihm zu erklären was wir lernen möchten, aber je mehr man am Unterricht verbessern will, desto mehr breitet sich das Chaos aus. Die Ursachen sind sowohl die sprachliche als auch die kulturelle Barriere. Außerdem werden die Figuren bei Festen nie isoliert gespielt, sondern musikalisch zu den Schritten der Tänzerinnen kombiniert, was für den Unterricht nicht der geeignetste Weg ist. Herman beruhigt mich: „So was kommt vor. Das kann morgen wieder ganz anders sein.“ Somit habe ich wieder eine Facette des Lebens und Unterrichts in Afrika kennengelernt und akzeptiert.

Der Unterricht ist vorbei und nach dem uns Karim zum Sotrama gebracht und dem Fahrer erklärt hat, wo wir aussteigen möchten, geht es los in Richtung Jeremy. Weitere zehn Minuten Fußweg durch sandige Straßen, staubige smogähnliche Luft, vorbei an Schrottplätzen, die fließend in die Straße übergehen, erreichen wir gegenüber einer Baumwollfabrik Jeremys Djembéhotel. Dort treffen wir uns eine Stunde später wieder mit Karim, aber diesmal zum Interview. Wir wollen von ihm mehr über Jina-Trancekulte erfahren. Herman stellt eine Stunde lang Fragen an Jeremy, der übersetzt sie für Karim vom Englischen in Bamana und die Antwort sucht sich den gleichen Weg wieder zurück bis zu meinem Aufnahmegerät. Es gibt wenige Informationen zu diesen Kulten und ich bin live dabei, wie Karim uns in einen Teil dieser geheimnisvollen Welt einweiht. Aufregend! Wir werden mit ihm die nächsten Tage zu einigen Orten fahren an denen einige Jinas (vergleichbar mit Geistern) wohnen sollen. Wow!

Mit dem Taxi fahren wir im Dunkeln direkt zu unserm Abend-Straßenrestaurant und es hat wieder geöffnet! Als Stammgäste müssen wir gar keine Bestellung mehr aufgeben. Es gibt wieder Spaghetti für 150cfa mit Soße und Fleischspießen. Wir könnten beide noch einen Teller vertragen, verschieben das aber auf später, da wir ja zum Kaffee noch Brot essen können. Herman verabschiedet sich ins Internetcafé und ich zum Hotel. Auf halbem Weg treffen wir uns wieder, da es heute kein Internet in Bamako gibt. Wie es der Zufall will, stehen wir genau vor unserem Nachtcafé und beschließen gleich hier zu bleiben. Jedes Mal wenn wir irgendwo hinkommen rutschen die Einheimische sofort zusammen und bieten uns einen Platz an und so auch jetzt. Der Betreiber scheint mit anderen Bestellungen beschäftigt zu sein, ist es aber nicht, denn als er sich uns zuwendet serviert er uns direkt zwei Kaffee und zwei Mal Omelette im 100cfa-Brot. Wir genießen das Stammkundendasein in Bamako und unterhalten uns über Jinakulte und vieles mehr. Jetzt bin ich richtig satt, hole mir noch eine kalte Cola im Laden vor dem Hotel und genieße bei einem unserer nächtlichen Gespräche auf der Terrasse den Anblick mangofressender Fledermäuse.

14. Februar

Heute will ich mal das Fahren mit dem Sotrama näher erläutern. Die Besatzung besteht aus einem Fahrer und einem Kassierer. Der Kassierer springt durch die fehlende Schiebetür auf und ab und sorgt dafür, dass der Fahrer anhält, wenn Fahrgäste ein oder aussteigen wollen. Er trägt meist einen Ring, um den Klopfsignalen auf der Karosserie den nötigen Nachdruck zu verleihen. Das Bezahlsystem: man drückt dem Kassierer ein paar Minuten vor dem Ziel Geld in die Hand und bekommt erst Mal kein Wechselgeld zurück. Das machen dann ein paar Leute so, und wenn der Kassierer die entsprechenden Geldstücke zusammen hat, verteilt er das Rückgeld in einer beliebigen Reihenfolge, oft auch in Raten. Protest erhebt man erst, wenn man  beim Aussteigen noch nicht alles bekommen hat. Es scheint zuverlässig zu funktionieren, da sich keiner wirklich aktiv um sein Wechselgeld kümmert, aber irgendwie trotzdem zum richtigen Zeitpunkt die Hand aufhält. Ein Sotrama ist meist voll besetzt und bietet trotzdem noch mindestens fünf Leuten einen Platz. Man muss nur ohne zu zögern einsteigen und genau beobachten wo sich eine kleine Lücke auftut – das ist der Keim des nächsten Sitzplatzes. Heute sind  es in dem Minibus 16 Erwachsene zwei Kinder und drei Säuglinge, von denen zwei schlafen und einer gestillt wird, bis er vom Hinundherschaukeln auf der Sandpiste auch einschläft.

Nach dem Frühstück fahren wir gleich mit dem Taxi zu Dras Haus. Von dort aus geht es mit Lamin zu Fuß mit den Trommeln zur nächsten Asphaltstraße auf der Pritschentaxis verkehren und mit diesen bis zu einer Müllverbrennungsanlage, an der wir in Rauch gehüllt aussteigen. Hundert Meter weiter wartet Dra schon mit fertig zubereitetem Tee unter einem Mangobaum und hat uns sogar schon Stühle gebaut. Er hat einen ganz eigenen Trommelstil und macht sehr guten Unterricht (zwischen den Teepausen). Sehr gediegen, aber auch fordernd!
Von Dra geht es direkt zu Karim, allerdings mit einem kleinen Zwischenstopp in unserem Mittagsrestaurant. Heute genießen wir bei Karim geordneten und gut strukturierten Unterricht. Wann Unterricht klappt oder auch nicht ist auch wieder ein System, das nur schwer zu durchschauen ist. Wir wollen gleich mit Karim noch auf ein Jinafest gehen, aber vorher müssen wir noch die Familie in seinem ehemaligen Wohnhaus begrüßen – dieses Ritual kommt öfter vor und dauert maximal zwei Minuten.

Das Jinafest läuft deutlich besser als die bisherigen. Wir sehen wie mindestens fünf Frauen in Trance kommen und von einem Jina in Besitz genommen werden. Die Frauen laufen mit starrem Blick umher, d.h. es läuft eher der Jina mit ihrem Körper umher. Anhand des Verhaltens erkennen die Anwesenden welcher Jina von der Frau besitzgenommen hat. Ein Jina verlangt, dass Wasser als Medizin auf den Boden gespritzt werden soll, ein Jina rollt sich über den Boden, ein Jina begrüßt uns per Handschlag, dass mir ein Schauer über den Rücken läuft, und die Jüngste der Frauen kommt sich unnatürlich verbiegend und sich am Ende mit Wasser überschüttend in einem Stuhl zur Ruhe. Als sie aus der Trance zurückkommt, ist sie etwas benommen und muss sich erst einige Minuten sammeln. Die Jinas dürfen fast alles, es wird nur darauf geachtet, dass sich niemand verletzt. Unbeschreiblich was sich bei so einem Fest abspielt.

Zu tiefst beeindruckt fahre ich zusammen mit Herman mit dem Taxi zu unserm Abend-Restaurant. Wir unterhalten uns darüber, dass man dort in Deutschland wohl nie essen würde. Man sieht es bisher auf keinem Bild, aber es liegt direkt an einer vielbefahrenen Kreuzung, an der es, wie fast überall laut ist und nach Abgasen riecht. Trotzdem, hier genießen wir den Ruheplatz im Motorenlärm, wie immer mit Nudeln für 150cfa mit Soße und zwei Fleischspießen. Nach dem Internetcafé sitzen wir auch wieder in unserm Nachtcafé, trinken Kaffee und schauen uns mit vier Afrikanern in Mali einen französischen Western an und verstehen kein Wort. Skuril!

15. Februar

So langsam kann man hier von einem geregelten Tagesablauf sprechen. Momentan haben wir morgens bei Dra und mittags bei Karim Unterricht. Frühstück, Mittagessen, Abendessen mit Cola danach und Nachtkaffee sind sowieso zu den unumstößlichen Säulen unseres Tagesablaufs geworden.

Als wir vom Vormittagsunterricht bei Dra mit dem Taxi zum Mittagessen fahren wollen, entscheidet der Taxifahrer noch einen anderen Fahrgast, eine ältere Dame, mitzunehmen, da ihr Ziel auf dem Weg läge. Am Konjunktiv mag der findige Leser schon erkennen, dass auf dem Weg bedeutet, dass wir statt 20 Minuten fast eine Stunde für den Weg brauchen werden, da die Dame weit außerhalb der Stadt wohnt. Wir genießen also die unfreiwillige Stadtrundfahrt und ich nutze die Gelegenheit, um mal eine ganz andere Seite der Stadt in Bildern festzuhalten.

Karim hat schon gemerkt, dass ich gerne die für Einheimische selbstverständlichen Dinge fotografiere, und führt mich auf dem Weg vom Unterricht zum Jinafest in eine Bügelei. Der Mann lag bis vor zehn Sekunden noch dösend neben seinem Bügelbrett, da seine zukünftigen Aufträge gerade in der Sonne trocknen. Wie viele Opfer meiner Kamera, lässt auch er es sich nicht nehmen sich stolz, in diesem Fall mit seinem Bügeleisen, zu präsentieren. Die Falten werden bei dieser Bügeltechnik übrigens aus dem Stoff herausgeprügelt – ob das die Lebensdauer der Kleider erhöht wage ich zu bezweifeln. Wir laufen weiter den Berg hoch und treffen das bisher am schönsten gelegene Fest an. Von hier aus können wir weit über die Stadt blicken, soweit es die staubige Luft zulässt. Wir dürfen übrigens auf jedem Fest mitspielen und erleben auch heute wieder einige Jinas hautnah mit, einer fällt sogar während des Trommelns auf mich drauf. Diesmal sehe ich das erste Mal auch Männer, von denen ein Jina Besitz ergreift. Die Menschen feiern diese Feste übrigens, um mit den Jinas in Kontakt zu treten und herauszufinden, was sie wollen und brauchen, damit sie gütig gestimmt sind. Der Jinakult ist in den Islam integriert und die Jinas stehen zwischen den Menschen und den Engeln. Die Leute, die in Trance von einem der unzähligen Jina in Besitz genommen werden, wurden in der Regel initiiert und haben Trance sozusagen gelernt. Verstehen kann man den Jinakult wohl nur, wenn man die Feste selbst miterlebt und die Hintergründe und den Glauben dazu auch kennt – wir arbeiten daran.

Unser Abend endet nach dem Kaffeeritual (und während diesem mit dem Spiel Mailand gegen Arsenal ) mit einem langen intensiven Gespräch auf der Terrasse unseres Hotels. Ich bin zufrieden und freue mich nach diesem ausgefüllten Tag auf mein Bett.

16. Februar

Wir sind heute wieder mit Dra im Mangohain neben der Müllhalde, trommeln und trinken grünen Tee, der hier ca. eine halbe Stunde vor sich hin kocht. Den Unterricht mit Karim können wir ab heute in Jeremys Djembéhotel verlegen. Dort ist es etwas angenehmer zu üben, da Karim nicht alle zehn Minuten mit Zuschauervertreiben beschäftig ist und wir sind statt 30 nur zehn Minuten unterwegs. Danach genieße ich meine Freizeit und mache mir Gedanken über die hiesige Kultur und diskutiere später mit Herman auf unserer Terasseüber philosophische und psycholgische Analogien zwischen dem Jinaglauben, unserer Kultur und anderen Kulturformen.

17. Februar

Da uns Karim mittags eine halbe Stunde warten lässt, nutze ich die Gelegenheit, die Ersatzteillager und gleichzeitig Werkstätten zu fotografieren, denn das Djembéhotel befindet sich inmitten eines Industriegebietes, das eigentlich ein Autofriedhof ist, der sich über ein größeres Wohngebiet ausdehnt. Jedes Autowrack ist ein Ersatzteillager und die Werkstätten befinden sich teilweise an einem festen Ort oder da, wo gerade das richtige Ersatzteil zu finden ist.

Nachdem ich gestern so meine Schwierigkeiten mit den Jinasoli hatte, läuft der Unterricht heute deutlich besser. Karim zeigt uns noch ein paar Begleitungen zu uns unbekannten Rhythmen, damit wir für die Feste gerüstet sind, und das wird sich schon heute auszahlen.

Vom Unterricht laufen wir zehn Minuten zu einem Jinafest. Mittlerweile bin ich mit der Situation „Fest“ ganz gut vertraut und weiß, dass ich trotz meiner Hautfarbe dazugehören darf. Karim bittet mich sofort an die Djembé und das für mich bis jetzt intensivste Fest beginnt. Ich finde mich, dank Karims Rhythmuscrashkurses heute Morgen, ganz gut in den Rhythmen zu Recht und weiß jetzt auch wie die Stimmen „afrikanisch“ phrasiert werden müssen. Die gewichtige Chefin des Festes kommt während des Trommelns  zu mir, tanzt mich an und signalisiert mir damit, dass ich in der Runde willkommen bin. Die Stimmung heizt sich auf und die ersten rasend schnellen Höhepunkte liegen bereits erfolgreich hinter mir. Es sind mehrere Jinas in der Mitte der Tanzfläche und die Trommler werden aufgefordert näher zu kommen, um für direkt einen Jina zu spielen. So finde ich mich im Stehen spielend das erste Mal inmitten eines Trancekultes wieder, werde zum gleichberechtigten Teil des Ganzen und fühle mich auch so – integriert und akzeptiert. Das ist der absolute Höhepunkt meiner noch kurzen Jinafestkarriere.

Während die anderen weiterspielen, signalisiert uns Karim, dass wir Essen kommen sollen. Es gibt „ausnahmsweise“ Reis mit Soße und einem Kohlblatt in einer großen Schüssel. Obwohl ich keinen Hunger verspüre esse ich ein paar Hände voll und genieße die gute Laune von Karim. Er scheint mit dem Erfolg seines Unterrichts sehr zufrieden zu sein.

Nach dem Essen begebe ich mich wieder zur Festrunde und setze ich mich auf eine Bank neben zwei vielleicht 4-jährige Kinder. Sie erzählen mir irgendwelche Geschichten auf Bamana und ich antworte immer ähnlich ausgiebig auf Deutsch, was sie zuerst irritiert und dann schnell freudig akzeptiert wird, wir scheinen uns auch ohne eine gemeinsame Sprache zu verstehen. Die Zwei werden während des restlichen Verlaufs des Festes keinen Zentimeter mehr von meiner Seite weichen. Auf der Sandfläche im Kreis der Zuschauer spielen sich mittlerweile schauspielartige Szenen zwischen verschiedenen Jinas ab. Sie reden und gestikulieren miteinander. Eine Frau in Trance kommt auf mich zu und salutiert vor mir. Ich stehe auf und schüttle ihr die Hand. Sie umarmt mich darauf hin zweimal und wendet sich an Herman, mit dem sie das gleiche Ritual vollzieht. Vor zwei Wochen hätte ich mich in dieser Situation noch unwohl gefühlt, aber mittlerweile ist es für mich vertraut in die Handlungen der Jinas einbezogen zu werden.

Es ist Abend und wir treffen uns mit einer deutschen Frau, die seit zwei Jahren in Bamako lebt und als Geigen- und Sprachlehrerin arbeitet. Sie führt uns zu einem Dachterrassencafé, von dem aus man über einen Teil der Stadt schauen kann – ein entspannter Ausklang für diesen intensiven Tag. Wir fallen erst um 1:30 Uhr ins Bett und werden morgen früh um 6:45 Uhr schon wieder aufstehen, da wir mit Jeremy in sein neues Djembéhotel in den Mandingobergen fahren. Es liegt eine Stunde von Bamako entfernt in Richtung Guinea und soll landschaftlich besonders schön sein. Ich bin gespannt!

18. Februar

Oh, wie gerne würde ich jetzt noch ein wenig schlafen, aber wir treffen Jeremy um 8 Uhr im Djembéhotel in Bamako. Da das Internet seit gestern nicht mehr funktioniert, konnte ich meinen Blog leider nicht onlinestellen und der nächste WLAN-Kontakt wird vermutlich erst am Sonntag wieder stattfinden. Ein junger Tuareg namens Benge fährt mit uns mit Jeremys Mercedes, der ganz gut in Schuss zu sein scheint, aber trotzdem angeschoben werden muss, in das eineinhalb Stunden entfernte Dorf am Rand der Mandingoberge. Nach einem kleinen Zwischenstopp auf dem Markt von Siby, der die Ladstraße in einen nahezu undurchlässigen Hindernisparcours verwandelt, sagen wir noch kurz einem Freund von Jeremy hallo und essen frische Mangos. Lecker!

Ankunft im Paradies: Laut Jeremys Beschreibung erwartet uns ein traumhaft schönes neues Djembéhotel mit traditionellen Rundhütten und vielem mehr, aber was wir vorfinden, lässt uns die hier irgendwann entstehende paradiesische Gemütlichkeit nur erahnen. Derzeit würde ich es als Baustelle ohne fließendes Wasser und Strom beschreiben, aber wenigstens ist die multifunktionale Toilette, die auch als Dusche verwendet werden kann, schon fast fertig. Es ist wie üblich ein abgetrennter betonierter Open-Air-Bereich im Hof, der in der Mitte ein Loch zu einer Sickergrube hat. Bis zum Abend verbringen wir unsere Zeit auf Matratzen im Schatten eines Baumes liegend, da es uns die Mittagshitze unsere geplante Wanderung zu einer Felssäule, die aus dem Berg ragt, nicht vor fünf Uhr erlaubt. Ein paar Kinder vertreiben mir die Zeit, mein Piercing ist wie immer die Attraktion und auch mein weniges Haar scheint immer noch genug zu sein, um für ihren Tastsinn zu Attraktion zu werden.

Es ist fünf Uhr und nachdem wir das Angebot eines alten Mannes uns auf den Gipfel zu führen höflich abgelehnt haben, starten wir zu unserer Wanderung. Es folgt ein einstündiger atemraubender Aufstieg, der uns mit einer atemberaubenden Aussicht auf die staubige Savanne und die kleinen Dörfer am Fuße des Berges belohnt. Wir genießen die Freiheit und beobachten einen Raubvogel, wie er unter uns seine Kreise zieht und sich langsam in den Höhe schraubt und sind froh hier oben zu sitzen. Nach einem schnellen Abstieg haben wir uns eine Dusche verdient. Ein Eimer mit Brunnenwasser ersetzt die Wasserleitung und ein Becher den Duschkopf, sonst ist alles wie gewohnt – wenn man vom Blick auf die Berge absieht.

Ein paar Jungs aus der Nachbarschaft haben sich zu uns gesellt und spielen Djembé und beweisen, dass der Rhythmus nicht mit der Muttermilch mitgeliefert wird. Auch hier in Mal müssen die Trommler ihre Instrumente üben – beruhigend! Eine köstliche Suppe mit Ziegenfleisch und Bandnudeln erlöst uns von den ersten Gehversuchen der angehenden Meistertrommler. Wie meistens spielen Knorpel und Fett auch bei diesem Essen eine mittelgroße Rolle, aber das sollte man hier schnell lernen zu tolerieren. Wir sitzen eine ganze Weile in unseren Baststühlen und beobachten noch wie Venus und Jupiter untergehen und Mars im Osten erscheint. Als Jupiter zum Vorschein kommt, liegen wir schon ohne Decke und Kopfkissen auf den Matratzen in unserer Rundhütte und schlummern der Stille der Nacht auf dem Land entgegen.

19. Februar

Um 7 Uhr wollten wir zurück nach Bamako fahren, aber, wie jede afrikanische Terminierung, verzögert sich auch diese Abfahrt um ca. eine Stunde, da das Auto kein Kühlwasser mehr hat. Auf dem Markt von Siby tanken wir wieder Wasser nach, dann nochmal 30 Kilometer vor Bamako. Der Kühler kocht und die Temperaturanzeige des Motors steht deutlich über dem Maximum von 120°C. Vermutlich war das der Moment an dem die Zylinderkopfdichtung des Mercedes ihren Widerstand gegen die Hitze endgültig aufgegeben hat. Alles Wasser, das Benge verzweifelt nachfüllt, spukt der Motor wie ein Geysir in einer großen Wolke aus Dampf und heißem Wasser wieder aus. Unser Fahrer entscheidet sich trotzdem weiter zu fahren und wir haben Glück und schaffen es bis zu unserem Hotel. Dort geht der Motor aus und nicht wieder an.

Nach einer kurzen Verschnaufpause, in der ich versuche im richtigen Moment, wenn die Internetverbindung gerade steht, die Bilder hochzuladen, fahren wir mit dem Taxi zu einer Hochzeit, zu der unser Lehrer Dra mit seinen Trommlern engagiert ist. Wir finden uns auf der bisher prunkvollsten Veranstaltung dieser Art wieder und kommen genau richtig zum Essen. Man merkt sofort, dass hier ein reiches Paar heiratet, denn der Reis ist perfekt gewürzt und das Fleisch ist mager und reichhaltig – ein Festmahl. Leider kommen wir im weiteren Verlauf des Festes kaum zum Einsatz, da die Sängerinnen endlose Lobreden auf das abwesende Brautpaar halten. Auf die Frage nach dem Inhalt der stundenlangen Ausführungen gibt Dra ganz trocken als Antwort: „Zero!“. Was vielleicht noch erwähnenswert wäre, ist eine nicht zu überhörende und zu übersehende Erscheinung namens „Le General“, denn er macht seinem Namen alle Ehre. Sobald die Trommler nur fünf Sekunden spielen gibt er aus seinem Stuhl wild gestikulierend, lautstark Anweisungen, was alles falsch ist, wer was spielen soll, steht nach weiteren fünf Sekunden kopfschüttelnd auf, nimmt einem die Trommel weg, schickt ihn an eine andere Trommel, deren Spieler sich setzten darf, dann wechselt er mit einem anderen Trommler die Glocke, da er mit seiner nicht zufrieden ist. Endlich ordentlich ausgerüstet beginnt er nun zu spielen, geht ein paar Schritte nach vorn, posiert in der Nähe der Sängerin und demonstriert, dass er jetzt alles im Griff hat und die Situation gerade nochmal gerettet hat. Die Trommler sind etwas genervt, aber sie akzeptieren ihn und seine Art, vermutlich vor allem aus Respekt vor dem Alter. Nach zwei Stunden verlassen wir das diesmal nicht so spannende Fest.

Im Hotel lerne ich noch einen indischen Geschäftsmann kennen, der sich um den Import und Export von Autobatterien kümmert und hier Bamako einen Außenposten für eine indische Firma aufbauen soll. Wir unterhalten uns bei einem Bier zwei Stunden lang über Vorurteile und Fakten unserer beider Länder und Kulturen. Zu später Stunde lädt er mich zu einem vierwöchigen Gesangsstudium nach Indien ein – es wird Zeit ins Bett zu gehen.

20. Februar

Irgendetwas scheine ich nicht vertragen zu haben, denn mein Kopf schmerzt und ich bin total schlapp. Es fällt mir schwer mich aufzuraffen, aber das wird schon wieder! Erst Mal ab in den Mangohain, Tee trinken und neue Figuren von Také lernen. Dra wartet schon im Schatten des immer selben Baumes auf uns. Den ersten Tee hat er schon getrunken und der zweite steht schon für uns bereit. Mein Körper kommt wieder in Fahrt, und langsam entweicht die Schwere aus meinen Gliedern.

Als nächstes wollen wir versuchen ein paar Travelerchecks einzulösen und veranschlagen dafür eine Stunde bei einer der großen Banken. Das ist die optimistische Planung, denn wenn es kein Internet gibt, kann es auch sein, dass man tagelang gar kein Geld bekommt. Als wir vorbei an den vier Wachleuten in Militäruniform in die Bank eintreten, beschleicht mich das Gefühl eine heilige Stätte zu betreten. Gedämpftes Licht und flüsternde Menschen verleihen dem Raum eine leicht bedrückende Stimmung. Der erste Nichtzuständige ist nach ein paar Minuten doch zuständig und kämpft daraufhin zwanzig Minuten mit dem Computersystem, um die Checks zu autorisieren. Die erste Hürde ist genommen, jetzt geht es an die Kasse, an der wir nach zehn Minuten anstehen drankommen, um dann gebeten zu werden auf einer Bank Platz zu nehmen, bis wir aufgerufen werden. Seltsamerweise nimmt die Bankangestellte jetzt andere Kunden dran und lässt unser Anliegen erst Mal ruhen, um uns nach weiteren fünfzehn Minuten wieder an den Schalter zu bitten. Nochmal alle Dokumente kontrollieren, immer wieder die Checks durchzählen, Nummerierungen vergleichen, Echtheit testen usw. Wieder fünfzehn Minuten später bekommen wir endlich unser Geld in hundertdreizehn Scheinen und ein paar Münzen und verlassen erleichtert die Bank vorbei an den vier Wachmännern, die uns nett verabschieden.

Mittagessen wie immer und danach eine halbe Stunde Tiefschlaf im Hotel. Wir stehen nun wieder, auf ein Taxi zu Karim wartend, an der Straße und fühlen uns als hätte uns jemand mitten in der Nacht direkt aus dem Bett dorthin gestellt. Zum Glück können wir uns nach dem Unterricht wieder ausruhen, da wir erst morgen auf das nächste Jina-Fest gehen. Als Belohnung für mein Durchhalten gönne ich mir eine Tafel Schokolade „Lindt Excellence 70% Cacao“, die ich in einem fast europäisch ausgestatteten kleinen Supermarkt finde. Unseren Abendkaffee lassen wir uns natürlich nicht entgehen und nach ein bisschen Internet und erzählen ist es doch wieder zwölf Uhr bis wir im Bett liegen.

21. Februar

Es ist Nachmittag und wir sind auf einem Jina-Fest, bei dem nicht viel los ist und kaum jemand tanzt. Wir trinken erst Mal Tee und beobachten, wie sich der Innenhof doch langsam füllt und die eine oder andere Tänzerin in der Kreismitte in Erscheinung tritt. Eine Frau, die ich vom letzten Mal schon kenne, kommt in Trance und da sie immer wieder eine Bewegung macht, als würde sie schießen, wissen alle Anwesenden, dass der Jina, der in ihrem Körper vor ihnen steht, der Jäger namens Soma ist. Eine junge vielleicht sechzehnjährige Frau tanzt sich ebenfalls in Trance, während sich Soma mit dem Chef des Festes in einem speziellen Raum zurückzieht. Gleich darauf wird auch ein Mädchen, das ich auf zwölf schätzen würde, von einem Jina in Besitz genommen. Es ist eher selten, dass so junge Leute in Trance kommen, und man sieht auch an den Reaktionen der anderen Frauen, dass sie sich nicht ganz sicher sind, ob sie das zulassen sollen. Das Mädchen streckt sich drei Mal wie ein Bogen mit den Armen nach oben und kommt wieder zu sich. Diese Technik habe ich schon bei vielen Jinafesten beobachtet, nach dem dritten Strecken sind die Leute sofort aus der Trance heraus und schauen sich meist etwas benommen um, da sie nicht wissen, was mit ihnen passiert ist. Kaum später befindet sich das junge Mädchen wieder in Trance und streckt sich wieder. Plötzlich macht sich Unruhe in den hinteren Reihen breit, eine Frau in Trance wird nach vorne gebracht und rollt sich am Boden hin und her. Eine andere Frau legt ein weißes Tuch über sie und spricht darunter mit dem Jina. Seit dem letzten Fest weiß ich, dass sie das machen, wenn keiner den Jina kennt und sie ihn nach seinem Namen fragen. Eine Frau in der Menge fällt um und alles schreit, die andere Frau mit dem unbekannten Jina streckt sich schon wieder und das junge Mädchen ist schon wieder in Trance. Die neue Frau in der Kreismitte beginnt zu tanzen, das junge Mädchen streckt sich drei Mal. Nun beginnt die Frau zu zittern, läuft herum und fängt an wild zu tanzen. Immer noch am ganzen Körper zitternd taumelt sie umher, ruft verschiedenen Zuschauern etwas zu, streicht einer sitzenden Frau über die Hände, streckt sich und das Fest ist abrupt vorbei. Die Leute verlassen fluchtartig den Innenhof und streichen sich dabei schnell über den Kopf, als wollen sie etwas verjagen. Karim erklärt mir, dass sie verhindern wollen, dass ein Jina an ihnen hängen bleibt. Wow!

Wir laufen jetzt mit Karim zur nächsten Teerstraße, machen vorher aber noch einen kleinen Abstecher zu seiner sechsundvierzigjährigen großen Schwester, die nach seinen Schätzungen auch achtundvierzig sein könnte. Wir müssen zwei Minuten warten, da sie wie die meisten Bewohner Malis Moslem ist und gerade betet. Als wir ihren Wohnraum betreten bietet sich mir ein überraschender Anblick. In dem ungefähr neun Quadratmeter großen, mit Teppich ausgelegten Zimmer stehen ein Sofa und zwei Sessel, auf denen wir Platz nehmen. Die Schwester sitzt mit einer anderen Frau am Boden und empfängt uns hocherfreut. An der Stuckdecke – wir befinden uns wohlgemerkt in einem ganz einfachen Wohnviertel mit Häusern ohne Putz – dreht sich ein umfunktionierter Standventilator, an den Wänden hängen, neben einer Koransure in arabischer Schrift, scheinbar Bilder von Staatsmännern und auf einem Fernseher läuft ein Bollywoodfilm auf Französisch. Herman beginnt ein lockeres Gespräch mit der Dame und sie bittet uns halb scherzhaft, ihr einen älteren Mann aus Deutschland zu vermitteln, aber reich muss er sein. Wir versuchen ihr zu erklären, dass das bei der aktuellen Rentenentwicklung in Deutschland schwer werden könnte und stoßen auf tiefes Unverständnis, da es hier für jeden selbstverständlich ist, dass alle Weißen reich sind. Nach zehn Minuten verlassen wir die Lehmhütte mit Stuckdecke wieder und treten unsere Heimfahrt mit einem Taxi an, in dem die Rückbank nur lose reingestellt wurde und bei jedem Abbremsen mit uns nach vorne rutscht.

22. Februar

Dieser Tag beginnt für mich bei 18°C mit einem Frühstück im Pulli. Nachdem es die letzten Tage bis zu 38°C heiß war, soll heute laut Vorhersage bei angenehmen 33°C Schluss sein. Es stehen zwei erwähnenswerte Begegnungen mit der hiesigen Fauna auf dem Tagesprogramm. Die erste Schlange im Mangohain vor ein paar Tagen hat es nicht in meinen Blog geschafft, da sie nur dreißig Zentimeter lang war und Dra sie schon nach fünf Sekunden in ihre Einzelteile zerlegt hatte. Sie scheinen die süßen Tierchen hier nicht zu mögen, denn er ließ von der armen Schlange nicht ab, bis er ihren Körper mit zwei großen Steinen bis zur Unkenntlichkeit zermalmt hatte. Heute haben wir es allerdings mit einem größeren Artgenossen zu tun, der mindestens einen Meter misst und es wagt, sich uns bis auf wenige Zentimeter zu nähern. Es gibt wieder einen panischen Aufruhr und ich bin froh, dass die Schlange in den nahe gelegenen Steinhaufen fliehen kann, bevor Dra sie erwischt und mit ihr genauso wie mit ihrem kürzlich von uns gegangenen Verwandten verfährt.

Nach diesem tierischen Erlebnis im Mangowald fahren wir mit dem Taxi zur Mittagszeit durch die vor Menschen, Autos und Motorrädern überquellende Innenstadt zu unserem Mittagsrestaurant. Vielleicht mag dieser Weg der Kürzeste und fotografisch Interessantere sein, aber der Schnellste ist es wahrlich nicht und wir brauchen statt fünfzehn dreißig Minuten.

Es ist sechzehn Uhr und wir befinden uns hoch auf einem Berg auf einem Jinafest im vollen Gange. Wir treffen wieder auf viele Jinas und einer davon lässt sich einen Schemel in die Kreismitte stellen, beginnt dort eine weiße cremige Masse in einer Dose stetig umzurühren und bestellt sich kurz darauf ein weißes Huhn. Leider hat das Huhn nicht so viel Glück wie die Schlange am Morgen, denn er nimmt es gekonnt mit einer Hand an den Füßen, legt den Hals des Tieres zwischen die Finger, schneidet ihm die Kehle durch und lässt das Blut in die Cremedose laufen. Er tut dies mit einer Leichtigkeit mit der andere eine Flasche öffnen und ihren Inhalt in ein Glas füllen. Er wirft das Huhn, das noch eine halbe Minute wild herum flattert, zur Seite und rührt feierlich in der nun rosafarbenen Creme. Als er aufsteht hoffe ich nur, dass er nicht zu mir kommt und mir die blutige Mixtur zum Verzehr anbietet, aber ich habe Glück, denn es scheint sich um eine Gesichtscreme zu handeln und einige Frauen, die deutlich weniger Berührungsängste haben, lassen sich bereitwillig mit der Paste eincremen. Ich glaube, ich muss noch ein paar Nächte darüber schlafen, bevor ich dieses Beautyprogramm genauso selbstverständlich über mich lassen würde.

23. Februar

Donnerstagnachmittag auf dem Kunsthandwerkermarkt in Bamako: überall werden Schmuck und andere Kunstwerke hergestellt und direkt am Stand an der Werkstatt verkauft. Etwas schade finde ich, dass man als Weißer keine Ruhe hat sich umzuschauen, da immer irgendwelche Verkäufer auf mich einreden. Selbst wenn man sie nicht beachtet, laufen immer mindestens zwei hinter mir her und rufen „Hey, kennst Du mich nicht mehr?!“, „Hier für Deine Frau!“, „Komm mit zu meinem Stand!“, „Da drüben ist mein Stand, ich habe besonders tolle…!“. Sobald man nur vages Interesse an einer Kette zeigt, hat man sie schon an. Man muss alle ignorieren, Desinteresse zeigen, auf die Tasche aufpassen und trotzdem die afrikanische Handwerkskunst auf sich wirken lassen. Vielleicht kann man das entspannte Bummeln trainieren, aber heute gelingt es mir noch nicht.

Ich habe schon öfter beobachtet, dass sehr viele Leute zwei bis drei Handys mit sich herumtragen und parallel benutzen. Meine erste Theorie war, dass sie die Nummern nach einem Telefonwechsel im alten Telefon gespeichert haben und dieses nur als Telefonbuch benutzen, aber laut der Aussage eines Maliers liegt es auch daran, dass man hier die Rufnummern nicht von einem zum anderen Anbieter mitnehmen kann und deshalb mehrere Nummern und somit auch mehrere Telefone hat.

Die Autos sind hier tatsächlich so kaputt wie es auf den Bildern scheint. Wahrscheinlich da Reparaturen teuer sind und sich die Besitzer auch fragen warum man die Fahrzeuge instand setzen soll, wenn sie doch noch fahren. In den meisten Taxis funktioniert der Kilometerzähler nicht. Ich vermute, dass er bewusst abgeklemmt wird, um Kilometer zu sparen, damit das Auto nicht mehr altert. An den Türen, die oft nur noch von innen zu öffnen sind, gibt es nur noch selten Fensterkurbeln. Die Innenverkleidung fehlt oft und in einem Kofferraum sah ich zwischen einem Haufen Müll Wasser stehen. Leider kann ich das Fahrgeräusch der Taxis, in denen wir schon mitfuhren nicht in Worte fassen, aber ein KfZ-Mechaniker hätte seine helle Freude daran, die einzelnen Musiker in diesem Klapper- und Schepperkonzert zu identifizieren. Da gab es mahlende Lager, dass man sich kaum mehr unterhalten konnte, kaputte Stoßdämpfer, die bei jedem Schlagloch knallten, altersschwache Motoren, die den Blechhaufen kraftlos, dafür aber mit dem Fahrgeräusch eines LKWs, durch die Straßen schleppten. Man hat hier offensichtlich eine ganz andere Einstellung zur Autopflege als bei uns.

24. Februar

Auf einem der Bilder sieht man einen Sandhaufen, der ein Schild mit einer interessanten Geschichte unter sich verbirgt. Es steht einmal ein Schild mit der Aufschrift „Cyber Café“ vor einem Haus und denkt sich nichts Böses, als ein LKW seine Ladung Sand genau an diesem Platz abladen muss. Das arme Schild ist im wahrsten Sinne des Wortes ganz geknickt, schaut aber mit einer Ecke noch aus dem Berg heraus. Nachdem der Sand verarbeitet ist, hilft der Besitzer dem Schild wieder auf die Beine, und von nun an steht es mit verstärkten Beinen wieder stolz am rechten Platz, bis die nächste Sandladung über ihm niedergeht und es nach ein paar Tagen diesmal extrem niedergeschlagen an die Oberfläche kommt. Wie man auf dem Bild gut erkennt, ist es seit gestern wieder untergetaucht und wartet darauf diesen Zyklus noch ein paar Mal zu durchlaufen.

Es ist Abend, wir sind mit Dra auf einer Hochzeit auf der anderen Seite des Nigers und treffen dort auf Ibrahim, den Bruder von „Le General“, der seit ein paar Jahren in Frankreich lebt und dort auch verheiratet ist. Wie sich schnell herausstellt, ist er die aggressive Ausführung seines Verwandten. Er kommandiert alle Trommler außer Dra mit deutlichen Worten und aggressiver Gestik umher. Dasselbe Spiel probiert er bei Herman und kündigt ihm an, dass er ihm ein Zeichen gibt, wenn es zu schnell für ihn wird und er aufhören soll zu spielen. Herman entgegnet nur trocken, dass er aufhört wenn sein Meister ihm sagt, dass er stoppen soll und dass Dra sein Meister ist und nicht er. Der Generalsbruder entgegnet erbost, dass er wohl Hermans Meister sei und als er den Satz beginnt, dass Dra kein Meister wäre, bricht er diesen mittendrin ab, da dies einen Schritt zu weit gegangen wäre. Es steht 1:0 für Herman, aber es ist klar, dass es dabei nicht bleiben wird. Zwei Rhythmen später, als es richtig abgeht, bricht der aggressive General ab, wirft seine Trommel zu Boden, baut sich mit seinen massigen zwei Metern Länge vor Herman auf und schreit ihn an, dass er falsch gespielt hätte und gefälligst aufhören soll, wenn er das Zeichen gibt. Die Aufmerksamkeit der ganzen Festgesellschaft richtet sich auf die beiden und vor Wut tobende Ibrahim scheint kurz davor zu sein mit Fäusten weiter diskutieren zu wollen, aber Dra beschwichtigt ihn und eine Sängerin beginnt das nächste Lied, bevor die Situation eskaliert. Ein anderer Trommler übernimmt Hermans Djembéstimme, aber Dra lässt nicht lange auf die Retourkutsche warten und schickt mich nach fünfzehn Minuten in den Ring. Ich versuche dem Bruder des Generals beim Trommeln keine Angriffsfläche zu bieten und gebe alles, um für die restliche Zeit des Festes körperlich und verbal unversehrt zu bleiben. Er hält sich zurück und erteilt nur seiner vielleicht fünfundvierzigjährigen französischen Freundin, Frau oder Trommelschülerin eine Abfuhr, da er mit ihr auch nicht zufrieden war – sie geht danach mit Tränen in den Augen ein paar Schritte und entschuldigt sich bei uns für sein Verhalten. Diese Aggression ist durchaus nichts Ungewöhnliches hier und es kann schnell mal zu lauten Wortgefechten kommen, bis einer klargestellt hat, dass er der Chef ist, aber zum Glück sind wir in einer friedliebenden Trommlerszene unterwegs. Lamin, der Freund, Nachbar und Basstrommler von Dra war zwar nicht dabei, aber am nächsten Tag regt er sich köstlich über Ibrahim auf und fragt was ihm einfällt aus Frankreich hierherzukommen und ihnen zu erzählen wie man trommelt, obwohl SIE hier jeden Tag die Feste spielen. Ich bin froh mit Dra, Karim und Lamin unterwegs zu sein!

Am Abend treffen wir uns mit Rainer Pollack, einem Deutschen Ethnologen, bei Madu, einem älteren Meister der Djembémusik. Rainer ist ein in Deutschland relativ bekannter Trommler und Djembélehrer und verbringt gerade zu Forschungszwecken zwei Monate in Bamako. Wir genießen einen entspannten Abend mit interessanten Gesprächen und erfahren von ihm so einiges über die hiesige Trommlerszene, da er seit zwanzig Jahren die Djembémusik von Bamako erforscht und auch seine Dissertation genau diesem Thema widmete. Er hat eine kleine Überraschung für uns vorbereitet, denn Madus Frau hat für uns mitgekocht: grünen Salat, mit Tomaten, gekochten Bananen und Baguette. Das ist genau das, was man nach zwei Wochen mit Reis und Soße in Bamako braucht!

25. Februar

Ich verliere langsam das Gefühl dafür, was für Europäer ungewöhnlich und deshalb besonders erwähnenswert ist, aber ein paar Anekdoten gibt es doch:
Um zehn Uhr treffen wir uns mit Karim im Djembéhotel zum Unterricht. Herman hat mit ihm besprochen, dass er abklären soll, ob der Hof zum Trommeln frei ist, doch das hat er nicht, denn momentan hat Aimy, eine junge Japanerin, Tanzunterricht und, wie wir erfahren, danach noch einen Djembékurs, d.h. unser Unterricht bei Karim fällt heute aus. Herman nimmt es gelassen und ist nicht weiter überrascht, sondern war eher verwundert, dass bisher alles so reibungslos lief.

Es ist zwanzig  Uhr und wir kommen mit dem Taxi am Centre International de Conférence de Bamako an. Wir erwarten ein Trommelfest, wie wir es gewohnt waren, aber uns wird schon beim Anblick von Lamin, der uns am Eingang abholt, klar, dass wir underdressed sind. Wenn er sich schon in eine Robe aus feinstem Stoff wirft, dann bin ich mal auf die anderen Gäste gespannt. Wir biegen in Jeans und T-Shirt um die Ecke und stehen Frauen und Männern in prächtigen traditionellen Kleidern aus edlen Stoffen gegenüber – trommeln werden wir heute eher nicht. Wir machen es uns in dem mehrreihig bestuhlten Halbkreis gemütlich und lauschen leidenschaftlichen Reden in Bamana, bei denen der „Zustimmer“, der neben dem Redner steht und immer „Ja, so ist es.“ und „Weiter so!“ ruft, nicht fehlen darf. Witziger weise gibt es auch eine Clownfrau, die mit einer riesigen roten Brille und einer Krawatte auftritt und am Anfang mit den Gästen Quatsch macht, ab und zu trillerpfeifend durchs Bild rollt und irgendwann Wasser an die Leute verteilt. Eine uralte Griotfrau tritt langsam und feierlich, umringt von Kameramännern, vor die Zuschauer und singt eine Geschichte nach der anderen – hier möchte ich bemerken, dass es bei dieser Veranstaltung ausnahmsweise keine Rückkopplungen gab nur kaputte Kabel, die immer wieder zu einem ohrenbetäubenden Brummen und Knacken führen, aber das schein hier niemanden zu stören. Auf der Bühnenfläche ist ein reges Treiben, Fotografen mit selbstbauten Lampen sind Anlass zu hitzigen Diskussionen und Zwischenrufen, da sie stets die Hauptpersonen umringen und verdecken. Letztendlich werden sie äußerst unsanft zur Seite gezerrt und mit allerlei harscher Worte bedacht. Fünfzehn Minuten später haben sich die Vertriebenen ihren Platz in der ersten Reihe wieder erkämpft, aber diesmal tief geduckt. Wir bekommen ein aufregendes Programm geboten, mit allerlei Sängerinnen, Tänzerinnen und wichtigen Frauen, die aus ihren dicken Geldbeuteln Bündelweise Scheine hervorziehen, um sie unter den Künstlern und Zuschauern zu verteilen. Nach zwei Stunden endet das Fest abrupt und übrig bleibt ein riesiges Kabelknäuel in der Mitte der Auftrittsfläche, das kontinuierlich aus den Mikrofonkabeln der umherlaufenden Sängerinnen und den Stromkabeln der sie umkreisenden Fotolampenträgern geflochten wurde.

Mit Mühe und Not ergattern wir ein Taxi, das bereits einen Fahrgast transportiert. Der Taxifahrer wittert das große Geschäft und lädt noch einen kräftigen Mann ein, der sich mit uns das bisschen Rückbank teilt. Nach zwei Minuten geraten wir in meine erste nächtliche, malische Polizeikontrolle und sind froh, als wir nach einer ausführlichen, kritischen Passkontrolle weiterfahren dürfen, aber wir haben uns zu früh gefreut, denn nach einer weiteren Minute stehen wir in der nächsten Kontrolle. Nach der Prüfung unserer Pässe verschwinden die zwei anderen Fahrgäste und der Fahrer mit den Polizisten im Dunkeln und wir sitzen alleine im Taxi. Nichts passiert, fünf Minuten, zehn Minuten, wir beschließen auszusteigen und uns ein neues Transportmittel zu besorgen, doch einer der Polizisten klärt uns auf, dass wir unseren Taxifahrer gleich wiederbekommen also warten wir und nach fünf Minute ist er tatsächlich da. Wir fahren mit leichten Verlusten, denn die beiden anderen tauchten nicht mehr auf, weiter zu unserem Hotel. Der Fahrer steht leicht unter Schock, erklärt uns mit vielen Worten, von denen wir nur wenige verstehen, seine Unschuld, setzt uns zu Hause ab und vergisst vor lauter Verwirrung sogar zu kassieren – wir rufen ihm nach und begleichen unsere Schuld. Was mich letztendlich wundert ist, dass die erste Polizeikontrolle nichts zu beanstanden hatte, aber die Zweite zwei Leute in Gewahrsam nimmt. Seltsam!

26. Februar

Der letzte Unterricht bei Karim geht zu Ende und ich drücke noch am Aufnahmegerät herum, als mich Herman um Aufmerksamkeit bittet und mir erklärt, dass Karim, der mir konsterniert gegenübersitzt, gerade auf meine Lobrede wartet. Es ist wohl üblich, dass man dem Lehrer am Schluss erzählt, wie gut sein Unterricht war und welch starker Trommler er ist. Spontan hätte ich das beim Abschied mit einem ausführlicherem „Danke für alles…“ verbunden, aber die Rede hält man vorher und jetzt will Karim diese hören – auf französisch! Nachdem ich eine Weile rumstammele, springt Herman für mich ein und erzählt Karim, was ich ausdrücken wollte und ergänzt die afrikanischen Pflichtteile. Daran werde ich noch arbeiten müssen

Nachdem wir das Gepäck für den Rückflug heute Abend aufgegeben haben, absolvieren wir mit Dra unsere letzte Hochzeit und bei der Verabschiedung halte ich die absolute, gerade ausreichende Minimalrede an Dra. Er scheint mit meiner Darbietung zufrieden zu sein.

Ein letztes Mal fahren wir mit dem Taxi durch die Stadt zum Flughaben und ich erreiche meinen Flug ohne besondere Vorkommnisse und freue mich auf die kalte Heimat.

Zurück in Deutschland

Nachdem ich in dem Nachtflug zwei Stunden fast geschlafen habe, komme ich um sieben Uhr in Paris an, muss durch zwei Passkontrollen, zu einem anderen Terminal, durch eine Ticket-, eine Pass- und eine Gepäckkontrolle, um um 7:35 Uhr außer Atem an Gate D64 zu stehen und meinem Flugzeug zuzuschauen, wie es ohne mich abhebt. Schade! Zum Glück wird in Frankfurt gestreikt, so dass die nächsten zwei Maschinen auch ausfallen und ich erst um 13:15 Uhr, also in fast sechs Stunden hier wegkomme. Wie heißt nochmal der Film mit Tom Hanks im Flughafen? Als Entschädigung bekomme ich von Airfrance einen Frühstücksgutschein über 2,20 Euro, den im McDonalds, dem einzigen Ort im Flughafen mit kostenlosem Internetzugang,  auf den Kopf haue. Jetzt habe ich wenigstens Zeit in Ruhe den Blog fertig zu schreiben. In drei Stunden bin ich zu Hause!

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